„Interkulturalität als Zwischensphäre“

Nachruf auf Bernhard Waldenfels

Am 23. Januar 2026 ist Bernhard Waldenfels in München gestorben. Waldenfels war Gründungsmitglied der Gesellschaft für interkulturelle Philosophie im Jahr 1992. Selbst ein Grenzgänger zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Philosophie und Literatur, zwischen Antike und Gegenwart hat er sich in seinem Denken zeitlebens dem Phänomen des Fremden gewidmet. Als fremd erfahren wir dasjenige, was sich unserem Zugriff entzieht. Es gibt aber nichts, das per se fremd wäre, Fremdheit ist keine Spezifikation eines Allgemeinen (das spezifizierte Allgemeine ist das Andere derselben Ordnung, nicht das Fremde). Stattdessen wird alles zumindest ein bisschen fremd, sobald wir in eine gelebte Beziehung zu ihm treten und es uns deshalb in der Erfahrung begegnet. Ohne sich unserem Zugriff wenigstens teilweise zu entziehen, würde das Erfahrene mit dem Erfahrenden in eins fallen, die Erfahrung würde kollabieren. Fremdheit ist also keine Ausnahmeerscheinung, sondern ein Grundzug jeder Erfahrung. Damit entlarvt Waldenfels den essentialisierenden Gebrauch von Fremdheit in philosophischer Hinsicht als ein Missverständnis.

Der Vielfalt von Erfahrungen entsprechend, gibt es verschiedene Grade von Fremdheit. Das Vertraute ist weniger fremd als das Unvertraute, aber auch das Vertraute ist nicht völlig frei von Überraschungen; ja gerade das – und vor allen Dingen natürlich die/der – Vertraute, mit dem wir in engerem Erfahrungsaustausch stehen, offenbart uns immer neue Nuancen und Tiefenschichten, die uns beim nur oberflächlich erfahrenen Unvertrauten erst gar nicht auffallen. Je besser wir einen Menschen kennenlernen, desto facettenreicher erfahren wir sie/ihn. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass Waldenfels immer wieder betont, dass uns auch das eigene Selbst fremd bleibt. Freud zitierend spricht er davon, dass das Ich nicht „Herr im eigenen Haus“ ist. Eigenes und Fremdes stellen die Pole einer jeden Erfahrung dar und lassen sich deshalb nicht ohne den Bezug aufeinander beschreiben. Fremdheit, so schreibt es Waldenfels, ist ein Schwellenphänomen; ein Phänomen des Übergangs und der Unsicherheit (darin sieht Waldenfels eine große Nähe zu Platons Charakterisierung der Philosophie als Staunen). Die Schwelle erlaubt keine Vermittlung durch ein Drittes, weil sie uns im Innersten anrührt und betrifft. Diese Betroffenheit beschreibt Waldenfels als Pathos. Erfahrungen widerfahren uns, wir „erleiden“ sie mehr, als dass wie sie machen. Deshalb auch spricht er von einer responsiven Phänomenologie; sie antwortet auf das, was uns widerfährt, was wir nicht „im Griff“ haben und das uns stattdessen ins Offene der gelebten Erfahrung zieht.

Auch die fremde Kultur ist so wenig „absolut“ fremd, wie die eigene niemals „absolut“ eigen sein kann. Eigene und fremde Kultur gibt es nur im Übergang von der einen zur anderen, d.h. in ihrer Beziehung aufeinander und im responsiven Erfahrungsaustausch. Waldenfels spricht in Anlehnung an Merleau-Ponty, bei dem er in den frühen sechziger Jahren noch selbst studiert hat, von der „Zwischensphäre“, um das Phänomen der Interkulturalität zu beschreiben. Die verschiedenen Kulturen bestehen nicht nebeneinander, sie teilen nicht denselben Raum und lassen sich deshalb auch nicht vergleichend analysieren. Stattdessen sind auch die Kulturen durch Schwellen voneinander getrennt, die sie zugleich miteinander verbinden. Die eigene Kultur gibt es strenggenommen nur in der Erfahrung der fremden Kultur, wie diese ihrerseits nur in Bezug auf die eigene als fremd erfahren wird. Interkulturalität ist keine Zustandsbeschreibung; sie geht deshalb weder in multikulturellen Formen des Zusammenlebens auf noch lässt sie sich transkulturellen Maßstäben unterwerfen. Interkulturalität ist gelebtes „Inter-esse“ in der Dimension kultureller Zugehörigkeit.

Waldenfels‘ phänomenologische Analyse von Interkulturalität sollte für uns immer ein Stachel im Fleisch des Denkens bleiben, der uns davor bewahrt, die interkulturelle Dimension des Philosophierens dadurch zu nivellieren, dass wir die verschiedenen Kulturen und ihre philosophischen Traditionen einem wie auch immer gearteten Allgemeinen unterwerfen. Jenseits der gelebten Erfahrung und des responsiven Austausches gibt es weder so etwas wie eine eigene Kultur noch fremde Kulturen. Waldenfels selbst hat diese einfache Wahrheit gelebt, indem er sein eigenes Denken als eine Antwort auf die französische Philosophie gefunden hat, mit der er zeitlebens in engstem Austausch stand.

Wichtige Bücher von Waldenfels (alle bei Suhrkamp):

  • Phänomenologie in Frankreich, 1983.
  • Ordnung im Zwielicht, 1987.
  • Der Stachel des Fremden, 1990.
  • Antwortregister, 1994.
  • Topographie des Fremden, 1997.
  • Bruchlinien der Erfahrung, 2002.
  • Platon: zwischen Logos und Pathos, 2017.

 

Niels Weidtmann, im Februar 2026